Bestimmt kennst du auch solche Tage, an denen irgendwie nichts gelaufen ist, wie es sollte: Morgens lässt du die volle Kaffeetasse fallen und musst spontan die Küche wischen. Im Büro bleibst du wegen eines wichtigen Projekts länger und verpasst deine liebste Yoga-Klasse. Dann hat das Fahrrad auch noch einen Platten. Und wenn du abends endlich nach Hause kommst, hat die Katze die Basilikum-Pflanze zernagt und auf den Wohnzimmerteppich gekotzt. Das ist für mich der Moment für mein Comfort Food: Spaghetti mit einer cremigen Tomatensauce, in der Karottenscheiben und Brokkoliröschen weichgekocht werden.
Und genau darum geht es heute: Warum wir in bestimmten Momenten nach ganz bestimmten Gerichten greifen. Warum Comfort Food mehr ist als nur Essen. Und wo die gar nicht so leicht zu ziehende Grenze zum emotionalen Essen verläuft.
Let’s start: Was ist Comfort Food überhaupt?
Der Begriff Comfort Food beschreibt Speisen, die dir emotionalen Trost spenden. Es sind Gerichte, die mit positiven Erinnerungen, Geborgenheit oder Nostalgie verbunden sind und ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden vermitteln. Dabei geht es weniger um Nährwerte und mehr um Emotionen. Comfort Food ist oft einfach zubereitet, vertraut, warm und sättigend. Es erinnert dich an Kindheit, Familie oder bestimmte Lebensphasen.
Etwas (ernährungs)wissenschaftlicher ausgedrückt: Comfort Foods sind Lebensmittel, die mit positiven autobiografischen Erinnerungen verknüpft sind und deshalb Stress reduzieren oder die Stimmung kurzfristig verbessern können. Es ist also kein Zufall, wenn du nach einem anstrengenden Tag wahrscheinlich nicht an einen grünen Smoothie denkst, sondern eher an Pasta, Suppe oder Auflauf.
Gibt es typisches Comfort Food?
Obwohl Comfort Food also etwas sehr Individuelles ist, gibt es durchaus regionale Trends: Was dich tröstet, hängt nämlich stark davon ab, womit du aufgewachsen bist. In Deutschland sind es beispielsweise häufig Kartoffelgerichte, Eintöpfe oder Grießbrei, während in Frankreich viele an Bœuf Bourguignon oder eine einfache, warme Zwiebelsuppe denken. Für Amerikaner sind Mac and Cheese, Mashed Potatoes oder Apple Pie Klassiker des Comfort Food. In Italien greifen die meisten Menschen als emotionalen Support zu Pasta oder Risotto und in Spanien zu Tortillas oder Paella. In Indien sind es oft Dal-Gerichte oder würzige Reisvariationen.
Noch ein interessanter Sidefact, dessen Ursache aber noch nicht abschließend geklärt ist: Eis, Kekse und Schokolade sind bei Frauen sehr beliebtes Comfort Food, während die meisten Männer eher auf Suppen, Pasta und Pizza zurückgreifen. Ein möglicher Grund ist anerzogenes Verhalten, das wir als eigenes Empfinden übernommen haben. Aber auch hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern können eine Rolle spielen (Quelle: Yale Journal of Biology and Medicine).

Mein Comfort Food ist nicht typisch deutsch und auch nicht „typisch Frau“, aber eben sehr persönlich geprägt: Spaghetti mit Tomatensauce erinnern mich an lustige Familien-Abendessen und die „Nudel-Baby-Bäuche“, die wir als Kinder danach hatten, wenn wir eine Portion mehr gegessen haben, als es nötig gewesen wäre. Gekochte Karotten in Scheiben gab es bei meiner Oma immer als Beilage, egal zu welchem Essen. Und Brokkoli? Meine Liebe zu diesem grünen Power-Gemüse endet nicht am Kochtopf, sondern geht (im wahrsten Sinne des Wortes) unter die Haut und deswegen darf es nie fehlen.
Stressabbau und Comfort Food: Was sagt die Wissenschaft?
Die spannende Frage ist: Wirkt Comfort Food wirklich gegen Stress oder bilden wir uns das nur ein? Verschiedene Studien untersuchen den Zusammenhang zwischen emotionalem Zustand und Nahrungsmittelauswahl. Sie zeigen, dass Menschen unter Stress häufiger zu energiereichen, kohlenhydrat- und fettreichen Speisen greifen. Diese Lebensmittel können kurzfristig die Stimmung verbessern, unter anderem durch neurobiologische Mechanismen, die mit Belohnungssystemen im Gehirn zusammenhängen (Tipp zum Weiterlesen, auf Englisch: sciencedirect.com).
Psychologisch interessant ist die Rolle von Erinnerungen. Beim Essen von Comfort Food ist es nicht nur die Zusammensetzung des Lebensmittels, sondern vor allem die emotionale Verknüpfung mit positiven sozialen Erfahrungen, die den tröstenden Effekt ausmacht. Essen kann Zugehörigkeit symbolisieren. Es kann ein Gefühl von sozialer Eingebundenheit reaktivieren, selbst wenn du gerade allein am Küchentisch sitzt.
Das heißt: Comfort Food reduziert nicht automatisch Stress im physiologischen Sinne. Aber es kann dein subjektives Erleben verändern. Und das ist nicht nichts.
Comfort Food oder emotionales Essen?
Comfort Food ist nicht problematisch. Es ist ein bewusst gewähltes Gericht, das dich an etwas Schönes erinnert und dir ein Gefühl von Wärme gibt. Emotionales Essen hingegen beschreibt ein Essverhalten, bei dem Essen genutzt wird, um unangenehme Gefühle zu regulieren. Das Ziel ist dann nicht Genuss, sondern Betäubung oder Ablenkung.
Der Unterschied liegt in der Haltung. Isst du deine Spaghetti, weil du dich bewusst trösten möchtest und dich über den Geschmack freust? Oder isst du mechanisch, um Wut, Leere oder Frust zu überdecken? Comfort Food kann Teil einer gesunden Selbstfürsorge sein. Emotionales Essen kann, wenn es regelmäßig als einzige Bewältigungsstrategie dient, Probleme eher verstärken als lösen.
Meine ayurvedische Sicht
Im Ayurveda wird emotionales Essen differenzierter betrachtet. Bestimmte Gelüste können durch bestimmte Gefühle ausgelöst werden. Auch Emotionen lassen sich den drei Doshas zuordnen.
- Vata steht für Sorgen und Angst. Hier wird oft gegessen, um eine innere Leere zu füllen.
- Pitta ist mit Wut oder starkem inneren Druck verbunden. Hier spricht man im Alltag schnell von „Frust-Fressen“.
- Kapha steht für Trauer oder Stagnation. Hier geht es eher um das „Runterschlucken“ von Problemen.
Tipp zum Weiterlesen: Mehr dazu habe ich auch in meinem Blogbeitrag „Wie verhindere ich Heißhunger-Attacken?“ geschrieben.
In den klassischen ayurvedischen Texten werden explizit Lebensmittel empfohlen, die den Geist beruhigen und Stress reduzieren können. Ziel ist es, einen sattvischen Geist zu kultivieren, also einen Zustand von Klarheit, Ausgeglichenheit und innerer Stabilität. Hier eine kleine Liste mit Beispielen – bitte betrachte diese aber nur als Inspiration, nicht als strikte Vorgabe und/oder Heilversprechen:
- Früchte wie Datteln, Rosinen, Granatapfel, Trauben oder Feigen steigern die geistige Belastungs- und Leistungsfähigkeit.
- Gemüse wie Blattgemüse, Kürbis, Gurke, Zucchini oder Süßkartoffel fördern geistige Aktivität und Klarheit.
- Getreide wie Gerste, Weizen oder Reis ist leicht verdaulich und fördert Zufriedenheit.
- Hülsenfrüchte wie Mungbohnen oder rote Linsen stärken Körper und Geist.
- Nüsse und Fette wie Mandeln, Walnüsse, Ghee, Butter oder Sesamöl bauen Ojas auf und nähren den Geist.
Ayurveda-Beratung in Karlsruhe
In diesem Beitrag gibt dir Lifestyle- und Ernährungsberaterin Laura Strauß Tipps aus dem Ayurveda. Du kannst auch eine persönliche Beratung basierend auf deinem Dosha mit ihr buchen. Das Erstgespräch ist gratis.
Comfort Food ist kein Feind. Es ist ein Spiegel deiner Lebensgeschichte. Es kann dich an schöne Momente erinnern. Es kann dich erden. Es kann dir für einen Abend das Gefühl geben, dass die Welt doch nicht ganz aus den Fugen geraten ist. Entscheidend beim Essen ist – an tollen und an weniger tollen Tagen – nicht nur das „Was“, sondern vor allem auch das „Wie“: Die innere Haltung (Upyokta) und die Intention sind beim Kochen und Essen genauso relevant wie die Auswahl der Lebensmittel. Versuche, immer bewusst zu essen:
- Was schmeckst du? (Tipp: Entdecke die ayurvedischen Geschmacksrichtungen.)
- Wie fühlt es sich an – in deinem Mund, deinem Magen und deinem Herzen?
- Macht dich dieses Essen wirklich glücklich? (Das sollte es nämlich!)
