Wenn du unser Forsthaus am Ahaweg betrittst, begegnet dir im großen Yoga-Raum eine Bronzestatue, die zugleich kraftvoll und still wirkt: Shiva als Nataraja, als kosmischer Tänzer. Vielleicht hast du sie schon ausführlich betrachtet, vielleicht ist dein Blick nur kurz an ihr hängen geblieben.
Heute, an Maha Shivaratri, lohnt es sich, tiefer einzutauchen. Denn diese Nacht – die „Große Nacht Shivas“ – ist mehr als ein religiöses Fest. Sie ist eine Einladung, Dunkelheit neu zu verstehen, Wandlung anzunehmen und dich an den Ursprung des Yoga zu erinnern.
Shiva – mehr als ein „Gott der Zerstörung“
Shiva gehört zu den zentralen Gestalten des Hinduismus. Sein Name bedeutet „der Glückverheißende“ – was zunächst irritieren mag, wenn man hört, dass er als Gott der Zerstörung gilt. Doch hier geht es nicht um zerstörerische Gewalt oder blinde Verwüstung. Gemeint ist das Prinzip der Auflösung. In der hinduistischen Vorstellung bilden Entstehen, Bestehen und Vergehen keinen Widerspruch, sondern einen Kreislauf. Ohne Ende kein Neubeginn und ohne Loslassen keine Entwicklung. Shiva verkörpert diesen Wendepunkt im Zyklus: den Moment, in dem etwas Altes sich erschöpft hat und gehen darf. Das kann schmerzhaft sein – aber es ist notwendig. Zerstörung ist hier kein Selbstzweck, sondern Teil einer größeren Ordnung.
Gleichzeitig steht Shiva für Meditation, Rückzug und radikale Innenschau. Er wird als Asket dargestellt, als jemand, der sich aus der Welt zurückzieht, um das Wesentliche zu erkennen. Rückzug versteht sich hier als eine Verdichtung von Beziehung – zum eigenen Körper, zum Atem, zur Natur und zur Praxis selbst: als fortwährender Dialog zwischen Wahrnehmung und Welt.
Diese Verbindung von innerer Stille und kosmischer Kraft macht ihn so faszinierend.
Warum Shiva als Tänzer dargestellt wird
Unsere Statue zeigt Shiva als Nataraja – als den Herrn des Tanzes. Er bewegt sich im Kreis aus Flammen. Eine Hand hält eine kleine Trommel, eine andere trägt Feuer. Ein Fuß ist erhoben, der andere ruht auf einer Figur, die für Unwissenheit steht.

Der Tanz symbolisiert die Dynamik des Universums. Alles ist in Bewegung. Alles entsteht, verändert sich und vergeht. Der Kreis aus Flammen steht für das pulsierende Leben selbst. Die Trommel verweist auf den Urklang, auf den Anfang aller Schwingung. Das Feuer in der anderen Hand zeigt die Kraft der Transformation. Der erhobene Fuß lädt zur Befreiung ein: Du kannst dich aus alten Mustern lösen.
Wenn du das nächste Mal an der Statue vorbeigehst, schau nicht nur auf die äußere Form. Spüre die Bewegung darin. Dieser Tanz geschieht nicht irgendwo im Kosmos – er geschieht in jedem Atemzug.
Avidya – warum Shiva auf Unwissenheit tanzt
Unter dem rechten Fuß des tanzenden Shiva liegt eine kleine Figur. Sie wirkt fast unscheinbar – und ist doch zentral. In der ikonografischen Tradition wird sie Apasmara genannt. Sie steht für geistige Verwirrung, Vergesslichkeit und spirituelle Blindheit. Im Yoga gibt es dafür ein zusammenfassendes Sanskrit-Wort: Avidya.
In den Yoga-Sutras beschreibt Patanjali Avidya als Wurzel aller weiteren inneren Verstrickungen. Gemeint ist damit nicht mangelnde Bildung oder fehlendes Faktenwissen. Avidya bedeutet Nicht-Erkennen im existenziellen Sinn. Es ist die Verwechslung dessen, was wir erleben.
- Wir halten Vergängliches für dauerhaft.
- Wir interpretieren das Vermischte als rein.
- Wir erleben Schmerzhaftes als glückverheißend.
- Und wir verwechseln Rollen, Gedanken und Erfahrungen mit unserem eigentlichen Selbst.
Das Problem liegt nicht in der Erfahrung selbst, sondern in der falschen Zuordnung. Wenn wir das Wandelbare festhalten wollen, entsteht Anhaftung. Wenn wir Schmerz vermeiden wollen, entsteht Abwehr. Aus dieser inneren Logik entwickeln sich weitere Verstrickungen – Identifikation, Angst, das Gefühl von Getrenntsein.
Wenn Shiva im Nataraja-Motiv auf dieser Figur steht, dann bedeutet das nicht Unterdrückung, sondern Einordnung. Bewusstheit ordnet Unwissenheit unter. Der Tanz bringt Klarheit in Bewegung. Der yogische Weg aus Avidya heißt Viveka – Unterscheidungskraft. Die Fähigkeit, Vergängliches als vergänglich zu erkennen. Rollen als Rollen. Gedanken als Gedanken. Und darin eine größere Freiheit zu entdecken. Vielleicht ist das die tiefste Botschaft dieser Darstellung: Shiva zerstört nicht die Welt. Er löst Verwechslung auf. Und genau darin beginnt Erneuerung.
Shiva als Adi Yogi – der Ursprung des Yoga
In der yogischen Überlieferung wird Shiva als Adi Yogi, als erster Yogi, verehrt. Die Erzählung besagt, dass er in tiefer Meditation saß und die Weisheit des Yoga an seine Gefährtin Parvati und an erste Suchende weitergab. Ob du diese Geschichte symbolisch oder mythologisch verstehst, spielt keine Rolle. Entscheidend ist das Bild: Yoga entsteht aus stiller Erkenntnis. Aus der Erfahrung, dass äußere Unruhe nicht das letzte Wort hat.
Shiva „brachte“ Yoga nicht als Fitnessprogramm, sondern als Weg der Bewusstwerdung. Es geht darum, das eigene Wesen zu erkennen und sich von Verstrickungen zu lösen. Genau deshalb passt seine Figur so selbstverständlich in unser Forsthaus – einen Ort, an dem Praxis, Ausbildung und Coaching zusammenkommen.
Yoga bedeutet Verbindung. Verbindung entsteht, wenn wir das Trennende in uns auflösen. Und genau dafür steht Shiva.
Maha Shivaratri – die Nacht der Wachheit
Maha Shivaratri findet in der dunklen Mondphase statt, meist im Februar oder März. 2026 fällt der Feiertag auf die Nacht vom 15. auf den 16. Februar. Die Wahl der dunkelsten Nacht ist bewusst. Sie steht für das Unbekannte, für das, was wir nicht sehen wollen oder noch nicht verstehen. Anstatt diese Dunkelheit zu meiden, wird sie bewusst durchwacht.
Menschen meditieren, fasten, rezitieren Mantras und bleiben wach – nicht nur körperlich, sondern innerlich. Es geht darum, geistige Klarheit zu kultivieren. Um die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu begegnen. Die Verehrung Shivas geschieht häufig in Form von rituellen Übergüssen des Lingams, eines abstrakten Symbols seiner schöpferischen und zugleich formlosen Natur. Wasser, Milch oder Honig werden darüber gegossen – als Zeichen von Reinigung und Hingabe.

Doch Maha Shivaratri ist kein exklusives Ereignis für „Insider“. Die Nacht steht allen offen, die bereit sind, sich auf eine innere Klärung einzulassen. Es geht nicht um Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern um Bewusstheit.
Dunkelheit als produktive Kraft
In unserer Kultur wird Dunkelheit oft mit Mangel oder Bedrohung verbunden. Maha Shivaratri stellt diese Sichtweise infrage. Hier wird die Nacht nicht als Defizit erlebt, sondern als Raum der Konzentration. Wenn äußere Ablenkung weniger wird, kann etwas anderes hörbar werden. Vielleicht ein Gedanke, den du lange verdrängt hast. Vielleicht ein Wunsch, der bisher keinen Platz hatte. Vielleicht auch die Einsicht, dass ein bestimmtes Kapitel abgeschlossen ist.
Shiva steht für diesen Übergang. Für das Ende, das kein Scheitern ist, sondern Vorbereitung. Für das Loslassen, das Platz schafft. Gerade in Zeiten persönlicher oder gesellschaftlicher Umbrüche bekommt diese Symbolik eine besondere Bedeutung. Transformation beginnt selten im grellen Licht. Sie reift oft im Verborgenen.
Die Shiva-Statue im Forsthaus als Erinnerung
Dass im Forsthaus eine Statue des tanzenden Shiva steht, ist kein Zufall. Dieses Haus ist ein Ort des Wandels. Hier entstehen neue Wege – in der Yoga-Ausbildung, in Social Yoga oder im ZUM GLÜCK Coaching & Ayurveda. Gleichzeitig ist es ein Rückzugsort: Der Park, der die uralten Bäume, die Stille – all das schafft Raum für Innenschau. Die Statue erinnert uns daran, dass Entwicklung nicht linear verläuft. Sie geschieht in Zyklen.
Manchmal geht es vorwärts. Manchmal braucht es einen Schritt zurück. Manchmal heißt Wachstum, etwas hinter sich zu lassen. Wenn du vor Shiva stehst, kannst du dich fragen: Was in mir ist bereit, sich zu verändern? Wo halte ich fest, obwohl es Zeit wäre, loszulassen? Was darf neu entstehen?
Was Maha Shivaratri für deine Praxis bedeuten kann
Du musst nicht die ganze Nacht wach bleiben, um die Essenz dieses Festes zu erleben. Vielleicht reicht es, heute bewusst einen Moment der Stille einzuplanen. Setz dich hin. Atme. Spüre, was gerade in Bewegung ist. Vielleicht taucht ein Thema auf, das beendet werden möchte. Vielleicht zeigt sich ein Impuls, der wachsen will.
Yoga ist kein statischer Zustand. Es ist ein Prozess. Genau wie der Tanz Shivas. Maha Shivaratri erinnert dich daran, dass Transformation nicht gegen dich arbeitet, sondern für dich. Dass Zerstörung im Sinne von Auflösung ein Akt der Fürsorge sein kann. Dass Dunkelheit kein Fehler ist, sondern Teil des Weges.
Wenn du heute (bei be yogi) praktizierst, nimm dir einen Augenblick. Nicht als religiöse Pflicht, sondern als Einladung zur Reflexion.
Der Tanz geht weiter – im Raum, im Atem, in deinem Leben.
