Brahmacharya mit KI: Nur weil wir können, müssen wir nicht

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Ich bin ja kein Gegner der KI, des technologischen Wandels oder neuer Tools und Gadgets – im Gegenteil: Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie schnell und vielfältig sich daraus neue Möglichkeiten entwickeln. Ich probiere sie, wenn möglich, gerne und aufgeschlossen aus. Aber ich bin der Meinung, man sollte die KI immer öfter einfach weglassen. „Yogisch“ gesprochen: Es geht um das Maßhalten, den bewussten Einsatz – das Yama Brahmacharya.

Kann es zu viel KI geben? Spoiler: Ja.

Überall sehe ich Flyer, Plakate und Social-Media-Posts, die perfekt durch einen professionellen Prompt erzeugt wurden. Ich lese Blogbeiträge, Newsletter und Webseiten, die von einem digitalen Assistenten so geschrieben wurden, dass sie möglichst gut bei der Suche über eine KI gefunden werden.

Ja, es geht sehr schnell, Inhalte von einer Künstlichen Intelligenz erzeugen zu lassen. Gerade wenn du vielleicht für eine Webseite viele Produkttexte schreiben oder mehrere ähnliche Posts erstellen willst, wirkt es sehr verlockend. Ein schlau formulierter Prompt und schon kann man innerhalb von nur einer Stunde einen Blogbeitrag inklusive des passenden Bildes und Reals für jedes der sieben Chakras schreiben und zur Veröffentlichung zum idealen Zeitpunkt einplanen lassen. Wenn ich das von Hand mache, bin ich trotz eines Bachelors in Journalismus und jahrelanger Erfahrung nach einer Stunde nicht einmal mit dem ersten Artikel fertig.

Aber muss das sein? Muss man denn innerhalb eines Tages gleich mehrere Instagram-Stories, Posts, Nachrichten im WhatsApp-Channel etc. teilen? Wenn man sichtbar bleiben will, ist die Antwort: Ja, der Algorithmus zwingt uns dazu. Und weil wir mit diesem wahnsinnigen Tempo gar nicht mithalten können, übergeben wir das Steuer an unseren smarten Assistenten, der optimalen Content für uns und in unserem Namen produziert. Dieser Content muss nämlich nicht nur ständig neu sein, sondern auch immer Hochglanz – wie vom Grafikdesigner gestaltet –, aber bitte schneller und günstiger (oder gratis)!

Ich jedenfalls schreibe, fotografiere und gestalte weiterhin selbst – und das gilt auch für Ulla. Alle unsere Blogbeiträge, alle Insta-Posts und jedes Poster, das bei uns im Studio hängt, haben wir selbst gemacht. Ohne Prompt. Dafür aber mit ♥️ und Prana aus Karlsruhe.

Die KI-Wirtschaft bestiehlt die Welt

Die KI stiehlt Wissen. Urheberrechtsfragen bei Texten, Bildern und Musik werden von den Firmen ignoriert oder sehr gefällig ausgelegt, immer wieder kommt es weltweit zu Prozessen, Urteilen und Strafen. Aber entweder finanzieren die Konzerne die vergleichsweise geringen Strafzahlungen locker (zuletzt: Gema gegen Suno) oder sie finden immer neue Möglichkeiten, um ihre Modelle zu trainieren. Zum Beispiel durch den Kauf alter Bücher, die vernichtet werden, nachdem sie eingelesen wurden (mehr dazu im Artikel der SZ).

Der Ressourcenverbrauch für den Betrieb der Rechenzentren ist gewaltig. 2025 haben allein die Rechenzentren, in denen die verschiedenen KI-Systeme gehostet werden, fast genauso viel Strom verbraucht wie die Menschen in Deutschland – inklusive der hier ansässigen Industrie¹. Lohnt sich das dafür, dass du dich als Manga-Figur gezeichnet siehst oder deine E-Mail so klingt, als hätte sie der Dalai Lama geschrieben? Wer die Umwelt liebt, sollte sich ganz bewusst fragen, wann er einen Prompt absetzt und welchen Trend man vielleicht lieber einfach vorbeiziehen lässt.

Die KI stiehlt Zeit – der Algorithmus will uns im Gespräch halten; er stellt aktivierende Folgefragen. Wie ein Social-Media-Feed zieht er uns in den Bann und in ein scheinbar konstruktives und fundiertes Gespräch. Man chattet wie mit einem Freund, diskutiert mit der KI, teilt immer mehr persönliche Informationen. Der Chatbot antwortet zwar nicht unbedingt wahrheitsgemäß², aber gefällig, und Glückshormone werden ausgeschüttet. Wir bleiben dabei.

Wir verlieren uns(ere Intelligenz)

Unser E-Mail-Programm fragt: „Schneller schreiben mit AI?“ Aber wir möchten nicht schneller schreiben, wir möchten persönlich schreiben und jeder Kundin und jedem Kunden, die oder der uns eine E-Mail schreibt, auch eine echte, individuelle Antwort geben. Eine Antwort von Mensch zu Mensch.

Das Grafikprogramm lädt uns ein, das Design von der KI übernehmen zu lassen. Wir werden aber lieber selbst kreativ und wollen eigenständig gestalten. Uns ist bewusst, dass dann vielleicht nicht alles perfekt sitzt. Aber wir Menschen sind auch nicht perfekt; auch bei uns sitzt nicht immer alles richtig.

Vor Kurzem haben wir von Urban Sports Club eine Mail bekommen: Dort werden nun alle Profile der teilnehmenden Sportanbieter mit der KI umgeschrieben. Sie werden vereinheitlicht, auf denselben Ton gebracht. Wir können uns nicht dagegen wehren. Auch wenn wir nicht möchten, dass unser sorgsam formuliertes Profil umgeschrieben wird, sondern unser geistiges Eigentum geschätzt und nicht einfach von anderen verwendet wird. Wir wollen, dass unsere Individualität als Studio bewahrt bleibt.

Seit 2022 ist ChatGPT für jede:n zugänglich. Zwei Jahre später schafft die EU mit der KI-Verordnung³ einen einheitlichen Rechtsrahmen für die Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung, der gleichzeitig Innovation fördern, aber auch die Grundrechte schützen und das Vertrauen in Künstliche Intelligenz stärken soll. Am 2. August 2026 ist diese Verordnung nun in Kraft getreten. Ab sofort gelten neue Regelungen zur Kennzeichnungspflicht von KI-Inhalten. Allerdings enthalten diese teilweise große Interpretationsspielräume, sodass man auch weiterhin davon ausgehen kann, dass viele durch KI generierte und/oder manipulierte Inhalte ohne entsprechenden Hinweis in Umlauf gebracht werden.

Ich bin ja kein Gegner, aber …

So habe ich diesen Beitrag begonnen – und jetzt zum Schluss fällt mir auf: Diesen Satz habe ich schon öfter in einem anderen Zusammenhang gehört, und genauso, wie ich dann immer antworten muss: „Doch, genau das bist du!“, so muss ich auch jetzt ehrlich zu mir und zu euch sein: Doch, ich bin ein Gegner der KI.

Ich finde es bedenklich, wie unaufmerksam und sorglos viele Menschen mit ihr umgehen. Es macht mich traurig, wie unpersönlich alles wird. Ich finde es ärgerlich, dass inzwischen überall ein intelligenter Assistent integriert ist und mitliest und ich ihn gar nicht loswerden kann.

Mein Wunsch ist, dass wir alle wieder viel aktiver, kreativer, mit offenem Herzen und voller Leidenschaft in Verbindung mit der Welt treten – und ja, das ist unperfekt und aufwendig und langsam. Aber am Ende haben wir es getan, wir selbst. Und es gibt nichts Besseres.

Wie gehst du mit Künstlicher Intelligenz um? Bist du Power-User oder Skeptiker? Fällt es dir leicht, KI-Inhalte zu erkennen? Und was hältst du von meiner Meinung? Ich freue mich sehr, wenn du deine Gedanken mit mir teilst – auch wenn du ganz andere hast als ich. Schreibe mir gerne per Mail an laura@beyogi.de.

Empfehlungen zum Weiterlesen

1: Die Umweltfolgen der immensen KI-Nutzung gehen weit über den reinen Stromverbrauch hinaus. Im Juni 2026 veröffentliche die UN einen Bericht über den ökologischen Fußabdruck von AI, der nicht nur den immensen Bedarf an Strom, Wasser, Fläche und Rohstoffen aufzeigt, sondern auch Ideen liefert, diesen zu reduzieren.

2: Für eine Studie testete die Europäischen Rundfunkunion im Oktober 2025 verschiedene KI-Modelle: 22 Sender aus 18 Ländern prüften über 3.000 Antworten zu Politik- und Gesellschaftsfragen und verglichen sie mit ihren eigenen Quellen. Nur 19 Prozent der AI-Antworten waren fehlerfrei, 81 Prozent wiesen Mängel auf, 45 Prozent sogar grobe Fehler. Mehr dazu hier bei der Tagesschau.

3: Im EU AI-Act werden neben den Kennzeichnungsregelungen auch die Grenzen für den Funktionsumfang der KI gezogen z.B. in Bezug auf unterschwellige Beeinflussung, den Schutz von Vulnerablen Gruppen oder der bewertenden Einordnung von Personen. Den ganzen Gesetzestext gibt es u.a. hier.

4: Wir haben auch eigene Leitlinien für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz formuliert. Diese stellen sicher, dass Künstliche Intelligenz bei be yogi achtsam, verantwortungsvoll und im Einklang mit unseren Werten eingesetzt wird.

Avatar von Laura Strauß

PS: Hier findest du weitere Infos unter anderem zum Gendern, deiner (gesundheitlichen) Selbstverantwortung & unserem Partnerprogramm.