Bisher habe ich euch vor allem Tipps aus der ayurvedischen Ernährungslehre sowie Empfehlungen zur Lebensweise und zu hilfreichen Routinen gegeben. Ayurveda bezieht sich jedoch nicht nur auf deinen Körper, sondern betrachtet dich als Teil deiner Welt. Du stehst in Verbindung mit den Lebewesen um dich herum, mit dem Wetter und mit deinem Lebensraum – und all diese Einflüsse wirken auf dich. Deshalb möchte ich dich heute mitnehmen und dir einen kleinen Einblick in Vastu Shastra geben, die ayurvedische „Lehre vom richtigen Wohnen“.
Vastu Shastra: Wohnen, das gesund macht
Wohnungen, Gebäude und sogar ganze Städte (berühmtes Beispiel: Jaipur – tiefer einsteigen) können nach den Prinzipien des Vastu analysiert und bewertet werden. Bei der Planung neuer Räume können diese Richtlinien von Anfang an berücksichtigt werden. Bestehende Lebensräume lassen sich wiederum so verändern, dass eine möglichst harmonische Balance der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther entsteht.
Das Ziel besteht darin, die Voraussetzungen für ein gesünderes, harmonischeres und glücklicheres Leben der Bewohner:innen zu schaffen. Darin ähnelt Vastu der hierzulande deutlich bekannteren chinesischen Lehre des Feng Shui. Im Vastu Shastra werden Räume als eine zweite Körperhülle verstanden. Sie gelten als lebendig und eng mit der Seele und der Natur ihrer Bewohner:innen verbunden. Die Energie eines Raumes beeinflusst demnach das Wohlbefinden der Menschen, die darin leben und arbeiten. Deshalb werden bei der Gestaltung nicht nur die Räume selbst betrachtet, sondern auch die Menschen, die sie nutzen werden – einschließlich ihrer individuellen Dosha-Konstitution.
Bauliche Faktoren wie die Ausrichtung eines Hauses, die Aufteilung einer Wohnung sowie die Proportionen von Fenstern, Türen und Räumen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Einrichtung und Ausgestaltung der Zimmer. Häufig haben wir allerdings keine Möglichkeit, die baulichen Gegebenheiten grundlegend zu verändern. In einer Mietwohnung können wir schließlich nicht einfach die Küche in ein anderes Zimmer verlegen. Doch genau wie bei der Ernährung können wir auch hier die nächstbeste Möglichkeit wählen, wenn das Optimum nicht erreichbar ist. Wir können Räume achtsam umstrukturieren, Materialien, Formen und Farben verändern oder ergänzen und bestimmten Bereichen eine neue Funktion in unserem Leben geben.
Vastu einmal praktisch angewendet
Eines vorweg: Die Lehre der vedischen Architektur ist sehr umfassend. Wenn du eine:n ausgebildete:n Vastu-Berater:in hinzuziehst, werden zahlreiche weitere Faktoren betrachtet, miteinander in Beziehung gesetzt und zu einer individuellen Lösung für dein Zuhause oder deinen Arbeitsplatz zusammengeführt.
Ich selbst habe bisher nur ein wenig in das Thema hineingeschnuppert und meine ersten kleinen Erkenntnisse auf den be yogi Campus & Retreat übertragen. Das historische Forsthaus im Ahaweg 2 wurde ziemlich sicher nicht nach den Prinzipien des Vastu geplant – entspricht ihnen aber zufälligerweise erstaunlich gut. Ich finde, das spürt man sofort, wenn man die Altbauetage betritt. Dort herrscht eine besondere, wohltuende Energie. Der Raum trägt dich. Er schützt, ohne einzuengen. Er lässt Luft zum Atmen und erdet gleichzeitig. Der Campus stellt dir eine leere Leinwand bereit und (d)ein Ort für persönliche Weiterentwicklung durch Ausbildungen, Coachings oder Ayurveda-Beratungen. „Yogisch“ ausgedrückt: Hier fließt Prana.
Schauen wir uns die einzelnen Räume einmal genauer an.
- Das Atrium als Herzstück: Wenn du die Räume des Campus betrittst, schaust du direkt in das offene Atrium – die Mitte und das Herzstück des Campus. Wir haben diesen Bereich bewusst offen gehalten, sodass viel freie Fläche bleibt. Gleichzeitig laden das große Sofa und ein Schaukelpferd dazu ein, Verbindung und Balance zu finden.
- Der kleine Raum im Süden: An das Atrium schließen sich drei Räume an. Im Süden liegt der kleine Raum. Nach Vastu ist dieser Bereich mit dem „Sinn des Lebens“ verbunden. Deshalb nennen wir ihn auch unser Meditationszimmer. Dieser Teil eines Zuhauses sollte ein geschützter Rückzugsort sein. Aus diesem Grund finden hier auch unsere Personal-Yoga-Stunden statt.
- Das Coaching Field im Osten: Direkt daneben, im Osten, liegt unser Coaching Field. Vastu empfiehlt für diesen Bereich ein Studienzimmer oder einen Raum für Gäste. Genau diese Funktionen haben wir miteinander verbunden: Hier befindet sich unser Büro, und meine Mutter und ich empfangen unsere Besucher:innen zu Coachings und Ayurveda-Beratungen. Gesundheit, Leben, Inspiration und Neubeginn sind die vorherrschenden Werte dieses Raumes.
- Der Yoga-Raum im Nordosten: Unser Yoga-Raum für kleine Gruppen mit bis zu acht Personen liegt im Nordosten. Dieser Bereich gilt im Vastu als Tempelraum eines Hauses oder einer Location. Er ist mit dem Element Wasser verbunden. Spiritualität und Energie dürfen hier fließen. Reinheit – sowohl in Gedanken und Handlungen als auch in der äußeren Gestaltung – sowie innere und äußere Ordnung sind wichtige Werte dieses Bereichs.
- Die Umkleide im Südwesten: Rechts neben dem Eingang liegt die nach Südwesten ausgerichtete Umkleide. Hier dominiert das Element Erde. Mit diesem Bereich verbinden wir das Gefühl des Umsorgens. Es ist ein Raum zum Ankommen und zum Ablegen dessen, was man gerade nicht mehr benötigt – ganz praktisch die Jacke und die Schuhe, vielleicht aber auch die Gedanken des Alltags.
- Bad und WC im Westen: Links neben dem Eingang, im Westen, befinden sich Bad und WC. Zum Element Erde kommt hier die Luft hinzu. Wie die Umkleide liegen auch diese beiden Räume nach den Prinzipien des Vastu sehr günstig.
- Die Küche im Nordwesten: Folgt man dem Flur, gelangt man in die Küche. Ihre Lage im Nordwesten gilt im Vastu nicht als optimal, denn idealerweise würde eine Küche im Südosten liegen. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen. Im Nordwesten herrscht eine besonders günstige Energie für Werte wie Hilfsbereitschaft, Austausch und Beziehung. Deshalb war für uns schnell klar: Wenn wir die Küche gleichzeitig als Ess- und Begegnungsraum nutzen, können wir genau diese Qualitäten stärken. Besonders während unserer letzten Yoga-Ausbildung war das deutlich spürbar. Hier wurde diskutiert, gemeinsam gearbeitet, gegessen und viel gelacht.
Zum Mitnehmen: Vastu-Tipps für jedes Dosha
Vastu für Vata
Vielleicht juckt es dir inzwischen schon in den Fingern, deine Wohnung umzugestalten. Möglicherweise hast du nebenbei bereits angefangen, auf Pinterest nach Inspirationen zu suchen, und in deinem Kopf sprudeln die kreativen Ideen. Dann steckt wahrscheinlich viel Vata in dir.
Deine Wohnung kann für dich ein wichtiger Anker und Ruhepol sein. Wähle warme, erdige Farbtöne wie Beige, Zartrosa oder Salbeigrün. Schwere Möbel aus Naturmaterialien und weiche Textilien wirken erdend. Geschlossene Schränke sorgen für visuelle Ruhe und helfen dir dabei, Ordnung zu halten.
Vastu für Pitta
Du bist ein Fan von To-do-Listen, und wenn es an die Umsetzung eines genau geplanten Wohnprojekts geht, bist du nicht nur bestens vorbereitet, sondern bleibst auch bis zum Ende mit großem Engagement dabei. „Geht nicht“ gibt es für dich nicht, und Feierabend ist erst, wenn wirklich alles erledigt ist. Klingt das nach dir? Dann ist dein Pitta-Anteil vermutlich besonders ausgeprägt.
Kühle und beruhigende Töne wie Hellblau, ein kühles Grün oder Weiß helfen deinem Nervensystem dabei, sich zu entspannen. Helle, offene und luftige Räume sind besonders wohltuend für dich. Metallische Akzente, fließende Stoffe und das Element Wasser – beispielsweise in Form eines kleinen Zimmerbrunnens – können dein inneres Feuer zusätzlich besänftigen.
Vastu für Kapha
„Schon wieder etwas in der Wohnung verändern? Vor acht Monaten habe ich doch erst neue Vorhänge gekauft, und so richtig an sie gewöhnt habe ich mich immer noch nicht.“ Eigentlich ist es doch schön, wie es ist. Und das Wichtigste in einer Wohnung sind ohnehin eine gut ausgestattete Küche und ein gemütliches Sofa. Das sind typische Kapha-Gedanken. Erkennst du dich darin wieder?
Dann eignen sich helle Farben wie Gelb, Orange, warme Rottöne oder kräftiges Grün, um deine Energie anzuregen. Bei der Einrichtung gilt für dich besonders: Weniger ist mehr. Achte auf helle Hölzer und setze eher auf offene Regale als auf schwere, massive Möbel. Belebende, duftende Raumöle können zusätzlich aktivierend wirken.
Räume können unser Wohlbefinden unterstützen
Gesundheit kann auch durch die Räume gefördert werden, die uns umgeben. Wir richten sie liebevoll ein, achten auf Sauberkeit und laden die Herzensmenschen zu uns ein, die positive Energie in unsere vier Wände bringen. Deshalb bist du auch jederzeit herzlich bei uns im Studio und am be yogi Campus & Retreat willkommen.
