Wenn wir heute von Yoga sprechen, denken wir zuerst an die Haltungen, die wir auf der Matte üben. Im Yoga Sutra von Patanjali beginnt Yoga allerdings an einer ganz anderen Stelle. Bevor die körperliche Praxis an dritter Stelle des achtgliedrigen Pfades auftaucht, geht es um die Frage, wie wir anderen Menschen begegnen und wie wir mit uns selbst umgehen. Die Yamas und Niyamas bilden die ethische Grundlage des Yoga als praktische Lebensphilosophie.
Die Yoga Sutras sind trotzdem eher ein praktischer Leitfaden als eine philosophische Abhandlung. Patanjali sammelte vor ca. 2.000 Jahren vorhandenes Wissen, das bisher nur mündlich von Lehrer zu Schüler weitergegeben wurde, und systematisierte dieses in 195 knappen Lehrsätzen. Im zweiten von vier Kapiteln beschreibt Patanjali den praktischen Übungsweg des Yoga. Dazu gehört der achtgliedrige Pfad „Ashtanga Marga“. Diesen haben wir uns in einem anderen Blogbeitrag schon im Überblick angeschaut – heute konzentrieren wir uns auf die beiden ersten Glieder.
Die zehn Prinzipien: Yamas und Niyamas im Überblick
Die fünf Yamas, wörtlich übersetzt „Gebote“, beschreiben unsere Haltung und Handeln gegenüber anderen Menschen und unserer Umwelt. Die fünf Niyamas (wörtlich „Gebote nach innen“) richten den Blick auf unseren Umgang mit uns selbst – nicht zur Selbstoptimierung, sondern weil die alten Yogis erkannt haben, dass wir Liebe und Frieden nur dann mit anderen teilen können, wenn wir selbst mit uns in einer gesunden Balance leben.
Klare Gedanken, ehrliche Worte und reine Taten
Ahimsa (1. Yama) bedeutet, allen Wesen und Dingen auf dieser Welt keinen Schaden zuzufügen. Das umfasst nicht nur die reine physische Gewalt, sondern beginnt schon bei friedvollen Gedanken und einer gewaltfreien Sprache. Eng damit verbunden ist Satya – das 2. Yama und das Gebot der Wahrhaftigkeit. Denn dabei geht es nicht darum, jede Wahrheit ungefiltert und gnadenlos auszusprechen, sondern eine Kommunikationsweise zu finden, die ehrlich und zugleich verantwortungsvoll ist. Das 1. Niyama, Shaucha, ist das Prinzip der Reinheit und Klarheit von Körper und Geist und eng verbunden mit Ahimsa und Satya. Es betrifft die körperliche Pflege ebenso wie unsere Umgebung, unsere Gedanken oder das, womit wir uns täglich beschäftigen.
„Nicht stehlen“ ist das 3. Yama (Asteya), das sich ebenfalls nicht nur auf die materielle Ebene bezieht. Auch die Zeit, Aufmerksamkeit, Ideen oder Anerkennung anderer sind schützenswert und wir dürfen nichts für uns beanspruchen, das uns nicht zusteht. Das gilt auch für uns selbst: Unsere Lebensenergie „Prana“ ist begrenzt und wir sollten sie bewusst und zielgerichtet für die Dinge einzusetzen, die das Glück aller langfristig vermehren und nicht auf die Erfüllung von kurzfristigen und egoistischen Wünschen verwenden (Brahmacharya, das 4. Yama).
Über den bewussten Einsatz von Energie
Beim bewussten Einsatz deiner Energie kann auch das 5. Yama Aparigraha helfen: Wenn du aufhörst, an Besitz, Vorstellungen, Erwartungen und Identitäten festzuhalten und nicht mehr beständig kontrollierst und verteidigst, kannst du deine Energie für das einsetzen, was du wirklich positiv beeinflussen kannst. Damit verbunden ist auch Santosha (2. Niyama). Es beschreibt die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment anzunehmen, ohne das eigene Wohlbefinden davon abhängig zu machen, dass erst etwas anders werden muss. Ishvara Pranidhana (5. Niyama) erinnert uns daran, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können, und dem, was wir annehmen dürfen. Daraus entsteht ein grundlegendes Vertrauen und Hingabe an das Leben.
Wenn wir unsere Energie für das Gute einsetzen, dann durchaus auch mit Tapas (3. Niyama): Wir bleiben dabei, auch wenn etwas anstrengend oder unbequem wird – nicht aus Härte gegen uns selbst (das wäre nicht Ahimsa), sondern weil Entwicklung manchmal Ausdauer braucht. Sich dabei selbst zu beobachten und zu reflektieren, ohne sich dabei nur noch um sich selbst zu drehen und beständig zu bewerten und zu vergleichen, ist Svadhyaya (4. Niyama). Yoga ist eine Praxis der Selbsterkenntnis im sozialen Raum.
Und was haben Yamas und Niyamas mit meinem Leben zu tun?
Die Yamas und Niyamas lassen sich nicht nur auf der Yoga-Matte üben, sondern auf ganz unterschiedliche Bereiche unseres Lebens übertragen. Für die folgenden Beispiele nutzen wir die fünf Säulen der Identität, ein Modell des Psychologen und Psychotherapeuten Hilarion G. Petzold aus der Integrativen Therapie. Es betrachtet Identität als etwas, das sich fortlaufend entwickelt und von verschiedenen, miteinander verbundenen Lebensbereichen getragen wird. Das Modell unterscheidet fünf Säulen: soziale Beziehungen, Beruf und Leistung, Körper & Geist, materielle Sicherheit und Lebensraum sowie Werte und Zukunft.
Was passiert, wenn wir nun jedes Yama und Niyama einmal durch diese fünf Perspektiven betrachten? Die folgenden 50 Beispiele zeigen, wie konkret die alten yogischen Prinzipien in unserem heutigen Alltag werden können.
Soziale Säule – Beziehungen und Gemeinschaft
Die soziale Säule umfasst die Menschen und Beziehungen, die für uns bedeutsam sind – Familie, Partnerschaft, Freundschaften, Kolleg:innen und andere soziale Netzwerke.
- Ahimsa: In einem Streit die eigene Grenze benennen, ohne den anderen abzuwerten.
- Satya: In einer Freundschaft offen sagen, was einen beschäftigt, statt Harmonie vorzuspielen.
- Asteya: Die Zeit, Aufmerksamkeit und Grenzen anderer respektieren.
- Brahmacharya: Beziehungen pflegen, die guttun, und Nähe bewusst gestalten.
- Aparigraha: Menschen nicht festhalten oder erwarten, dass Beziehungen immer gleich bleiben.
- Shaucha: Beziehungen klären und Konflikte nicht dauerhaft unausgesprochen stehen lassen.
- Santosha: Beziehungen wertschätzen, wie sie sind, statt Menschen ständig verändern zu wollen.
- Tapas: Auch dann Zeit und Aufmerksamkeit in wichtige Beziehungen investieren, wenn der Alltag voll ist.
- Svadhyaya: Beobachten, welche Rollen und Reaktionsmuster man in Beziehungen immer wieder einnimmt.
- Ishvara Pranidhana: Akzeptieren, dass wir andere Menschen nicht kontrollieren und Beziehungen nicht erzwingen können.
Berufliche Säule – Arbeit und Leistung
Die berufliche Säule umfasst unsere Arbeit, unsere Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch Arbeitszufriedenheit, Anerkennung, Belastung und die Balance zwischen Beruf und Privatleben.
- Ahimsa: Eine Überlastung ansprechen, statt dauerhaft über die eigenen Grenzen zu gehen.
- Satya: Sich eingestehen, wenn die eigene Arbeit nicht mehr zu den eigenen Fähigkeiten oder Vorstellungen passt.
- Asteya: Ideen und Leistungen anderer nicht als die eigenen ausgeben und Anerkennung fair teilen.
- Brahmacharya: Die eigene Energie auf Aufgaben konzentrieren, die sinnvoll sind, statt sie permanent zu verzetteln.
- Aparigraha: Nicht die gesamte eigene Identität an Position, Titel oder beruflichen Erfolg knüpfen.
- Shaucha: Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Prioritäten so ordnen, dass Klarheit entsteht.
- Santosha: Anerkennen, was man beruflich bereits erreicht und gelernt hat, ohne deshalb auf Entwicklung zu verzichten.
- Tapas: An einem beruflichen Ziel kontinuierlich arbeiten, auch wenn die erste Motivation nachlässt.
- Svadhyaya: Sich fragen, welche Aufgaben Energie geben, welche sie nehmen und warum.
- Ishvara Pranidhana: Gute Arbeit leisten und gleichzeitig akzeptieren, dass Karriere und Erfolg nie vollständig kontrollierbar sind.
Körper & Geist – körperliches und seelisches Wohlbefinden
Diese Säule umfasst unser Verhältnis zum eigenen Körper, unsere körperliche und mentale Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Selbstwert, Regeneration und Sexualität.
- Ahimsa: Eine Pause machen, wenn der Körper Erholung braucht, statt ihn zu Leistung zu zwingen.
- Satya: Wahrnehmen und anerkennen, wie es einem körperlich und mental tatsächlich geht.
- Asteya: Dem eigenen Körper nicht dauerhaft Schlaf, Erholung oder notwendige Fürsorge „stehlen“.
- Brahmacharya: Zwischen Aktivität und Regeneration unterscheiden und die eigenen Kräfte entsprechend einsetzen.
- Aparigraha: Den eigenen Körper nicht an einem früheren Zustand oder einem Idealbild messen.
- Shaucha: Auf Körperpflege, Ernährung, Bewegung, Erholung und mentale Hygiene achten.
- Santosha: Den eigenen Körper mit seinen aktuellen Möglichkeiten annehmen.
- Tapas: Eine gesundheitsfördernde Routine regelmäßig pflegen, statt nur dann, wenn gerade Lust dazu besteht.
- Svadhyaya: Körperliche Signale, Gedanken und emotionale Reaktionen bewusst wahrnehmen und Muster erkennen.
- Ishvara Pranidhana: Den Körper unterstützen und pflegen, ohne jede körperliche Veränderung kontrollieren zu wollen.
Ökologische Säule – Lebensraum und materielle Sicherheit
Die ökologische Säule umfasst unsere Wohn- und Lebenssituation sowie Einkommen, Besitz und finanzielle Sicherheit – also die äußeren und materiellen Bedingungen, die unser Leben tragen und beeinflussen.
- Ahimsa: Mit den eigenen finanziellen Möglichkeiten sorgsam umgehen, statt sich durch Konsum unter Druck zu setzen.
- Satya: Ehrlich auf die eigene finanzielle und materielle Situation schauen, statt sie schöner oder schlechter zu reden.
- Asteya: Nicht ständig mehr besitzen wollen, als man tatsächlich braucht oder sich leisten kann.
- Brahmacharya: Geld und materielle Ressourcen gezielt für das einsetzen, was dem eigenen Leben wirklich dient.
- Aparigraha: Besitz nicht mit persönlichem Wert oder Sicherheit gleichsetzen.
- Shaucha: Einen Lebensraum schaffen, der geordnet ist und Ruhe und Wohlbefinden unterstützt.
- Santosha: Wertschätzen, was materiell vorhanden ist, statt Zufriedenheit vom nächsten Kauf abhängig zu machen.
- Tapas: Finanzielle oder materielle Entscheidungen konsequent an den eigenen Prioritäten ausrichten.
- Svadhyaya: Hinterfragen, welche Bedeutung Geld, Besitz, Heimat und Sicherheit für einen selbst haben.
- Ishvara Pranidhana: Für materielle Sicherheit sorgen und zugleich akzeptieren, dass vollständige Sicherheit nicht möglich ist.
Zukunfts-Säule – Werte, Orientierung und Visionen
Die Zukunfts-Säule umfasst unsere Werte, Überzeugungen und Ideale ebenso wie die Ziele und Visionen, an denen wir unser gegenwärtiges Handeln und unsere Zukunft ausrichten.
- Ahimsa: Ziele verfolgen, die Entwicklung ermöglichen, ohne sich dabei ständig selbst unter Druck zu setzen.
- Satya: Sich fragen: Sind das wirklich meine Ziele – oder erfülle ich Erwartungen anderer?
- Asteya: Sich nicht durch den Vergleich mit anderen die Freude am eigenen Lebensweg nehmen lassen.
- Brahmacharya: Die eigene Energie auf wenige wesentliche Ziele konzentrieren, statt gleichzeitig jedem möglichen Lebensentwurf nachzulaufen.
- Aparigraha: Bereit sein, einen Lebensplan zu verändern, wenn er nicht mehr zum eigenen Leben passt.
- Shaucha: Regelmäßig überprüfen, welche Werte und Ziele noch zu einem passen und welche nicht mehr.
- Santosha: Mit dem heutigen Leben verbunden bleiben, obwohl man gleichzeitig Wünsche und Ziele für die Zukunft hat.
- Tapas: Schritt für Schritt an einer langfristigen Vision arbeiten, auch wenn der Erfolg nicht sofort sichtbar wird.
- Svadhyaya: Eigene Werte, Überzeugungen und Ziele regelmäßig reflektieren: Warum ist mir das eigentlich wichtig?
- Ishvara Pranidhana: Eine Richtung und Ziele haben, aber offen dafür bleiben, dass sich der eigene Lebensweg anders entwickeln kann als geplant.
Dieser Beitrag ist interessant?
Diese und viele weitere Themen aus Yoga-Philosophie, Anatomie und Asana-Kunde sind Teil der Ausbildung zum Yoga-Lehrenden bei be yogi.
Unsere Schule steht für Aus- und Weiterbildungen auf höchstem Niveau, denn wir sind in Karlsruhe der einzige staatlich anerkannte Bildungsträger (AZAV) für Yoga und gleichzeitig Registered Yoga School (RYS-200 und RYS-300).
Die nächsten Ausbildungen starten noch dieses Jahr. Bist du dabei?
Wir leben Yoga jeden Tag – in jeder Handlung, mit jedem Gedanken
Für uns sind die Yamas und Niyamas keine abstrakten philosophischen Prinzipien aus alten Zeiten. Patanjali hat ganz praktische Gebote für den glücklichen (sattvischen) Lifestyle formuliert, die immer noch gültig sind. Sie greifen ineinander und können uns helfen, bewusster wahrzunehmen, wie wir handeln, reagieren und Entscheidungen treffen.
Dass Patanjali das Üben von Asanas erst als dritten Schritt auf seinem achtgliedrigen Pfad nennt, verändert möglicherweise auch deinen Blick darauf, was „be yogi“ bedeuten kann: Yoga beginnt nicht mit dem ersten Sonnengruß und endet nicht mit Shavasana. Unser gesamtes Leben ist ein beständiger Prozess, eine fortlaufende Praxis. Und um diese zu verfeinern, brauchen wir nicht einmal eine Yoga-Matte.
PS: Tipps zum Weiterlesen
Vielleicht besuchst du regelmäßig Yoga-Stunden bei uns und obwohl dabei viele der Begriffe niemals fallen, begegnen dir die dahinterstehenden Prinzipien ständig – in der Art, wie du übst, wie wir unterrichten und wie wir miteinander umgehen. Mehr dazu kannst du in Ullas Beiträgen „10 goldene Regeln für Entscheidungen nach Art der Yogis“ und „Yamas & Niyamas: Das ethische Fundament unseres Yoga-Wegs“ lesen.
Ulla hat in ihrer Beitragsserie „Yamas und Niyamas im Business“ alle zehn Prinzipien einzeln betrachtet und gefragt, was sie für unsere Arbeitswelt, für Zusammenarbeit, Führung und unternehmerische Entscheidungen bedeuten können. Starte hier mit dem Beitrag über „Ahimsa: Gewaltlosigkeit als Führungskraft„.
