Ich muss euch etwas gestehen: Ich habe ja Journalismus studiert, genauer gesagt sogar Kulturjournalismus. Allerdings war Kulturgeschichte dabei nicht unbedingt eines der Fächer, bei denen ich für Glanzleistungen bekannt war. Was eventuell auch daran lag, dass die Vorlesung sehr früh am Freitagmorgen stattfand und ich da häufiger andere Pläne hatte. In den letzten Jahren habe ich allerdings ein geschichtliches Thema gefunden, das mich wirklich interessiert: die Geschichte des Yoga. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Deep Dives man dazu machen kann und was für eine großartige Auswahl an Rabbit Holes sich dabei auftut.
Während unserer 200h Yoga-Ausbildung haben wir leider nur zwei viel zu kurze Unterrichtsstunden Zeit, um rund 5.000 Jahre Geschichte abzuhandeln. Grob gerechnet heißt das: fast ein Jahr Yoga-Geschichte pro Sekunde. Und ihr könnt euch vorstellen, wie schwer es mir gefallen ist, mich dabei kurzzufassen. Deshalb kann ich euch nur von Herzen einladen: Wenn euch beim Lesen eine Epoche, eine Person oder ein Stichwort anteasert, taucht ruhig tiefer ein und recherchiert weiter. Ihr werdet ziemlich sicher nicht enttäuscht. Die Geschichte des Yoga steckt wirklich überall voller überraschender Wendungen und grandioser Aha-Momente.
Für diesen Beitrag versuche ich trotzdem einmal, mich zusammenzureißen und die wichtigsten Entwicklungslinien in einen „Zeitstrahl“ zu packen. Ganz so geradlinig und klar ist die Geschichte des Yoga allerdings nicht. Sie lässt sich weder lückenlos noch eindeutig rekonstruieren. Manche Datierungen sind umstritten, manche Entwicklungen liefen gleichzeitig ab und je nach Quellenlage und Forschungsperspektive fallen die Deutungen unterschiedlich aus.
Antike Yoga-Geschichte
Wenn man sehr weit zurückgeht, landet man irgendwann bei der Indus-Kultur (ca. 2800–1800 v. Chr.). Sie war eine der frühesten Hochkulturen der Welt und umfasste Teile des heutigen Pakistan, Indien und Afghanistan. Manche archäologischen Funde werden als mögliche Hinweise auf frühe yogische oder hinduistische Vorstellungen gedeutet. Sicher beweisen lässt sich das allerdings nicht – auch weil die Schrift der Indus-Kultur bis heute nicht entschlüsselt ist. Die Indus-Kultur ist damit ein faszinierender möglicher Anfang der Yoga-Geschichte, aber einer mit einem ziemlich großen Fragezeichen dahinter.
Etwas sicherer wird der Boden mit den Veden (ca. 1500–500 v. Chr.). Sie bilden die älteste Textschicht des Hinduismus und enthalten Rituale und Meditationspraktiken, die als Vorläufer späterer Yoga-Praxis verstanden werden können. Über viele Jahrhunderte wurden die Texte mündlich von Rishis, spirituellen Sehern, weitergegeben. In dieser Zeit werden die Menschen langsam sesshafter, in Indien entstehen frühe Königreiche und die Brahmanen gewinnen als Priester zunehmend an Einfluss. Religion ist stark von Ritualen, Opferhandlungen und Göttern wie Indra und Agni geprägt.
(Früh-)Klassische Zeit in Indien: Die ersten Schriften entstehen
In der frühklassischen Zeit (ca. 700–200 v. Chr.) entwickelt Indien sich zunehmend von ländlichen Gesellschaften hin zu Städten, größeren Königreichen und komplexeren sozialen Strukturen. Während die Brahmanen das religiöse Leben stark prägen, entstehen mit den Shramana (Asketen) auch Gegenbewegungen. In dieser Zeit entstehen viele der sogenannten Smritis. Das sind religiöse, philosophische und gesellschaftliche „Lehrbücher“, auch mit konkreten Tipps für das „echte“ Leben. Dazu gehören unter anderem die Bhagavad Gita und viele der ayurvedischen Grundlagen-Texte.
Indien erlebt von ca. 200 v. Chr. bis 500 n. Chr. eine Phase großer Reiche, wachsender Städte und florierenden Handels. Vedische Traditionen, Hinduismus, Buddhismus und Jainismus existieren nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig. In diesem Umfeld entstehen die Yoga Sutras von Patanjali. Patanjali erfindet Yoga nicht, sondern sammelt und ordnet bereits bestehende Yoga-Traditionen. Sein Ziel ist ein systematischer Weg zur Befreiung beziehungsweise Erleuchtung. Philosophisch orientiert er sich stark am Samkhya und greift zugleich Einflüsse buddhistischer und asketischer Traditionen auf.
Mittelalter und frühe Neuzeit: Tempel und Gurus
Mit dem Zerfall größerer Reiche im Mittelalter (ca. 500–1200 n. Chr.) wird Indien regional vielfältiger. Gleichzeitig entwickeln sich eine ausgeprägte Tempelkultur und stärker personalisierte Formen von Religiosität. Bekannte Tantra-Schriften entstehen. Körper, Geist und Energie werden zunehmend gemeinsam betrachtet, und die Nath-Tradition prägt später den Hatha Yoga stark. Parallel wächst die Bhakti-Bewegung, die einen emotionaleren und persönlicheren Zugang zum Göttlichen eröffnet. Körperpraxis, Atemtechniken und feinstoffliche Modelle gewinnen an Bedeutung, während Befreiung und Meditation zentrale Ziele bleiben.
Hinduistische und islamische Traditionen existieren in Indien der frühen Neuzeit (ca. 1200-1700) nebeneinander, beeinflussen sich gegenseitig, geraten aber auch immer wieder in Konflikt. Auch Yoga entwickelt sich weiter. Guru-geführte Traditionen gewinnen an Bedeutung und in Indien entstehen unterschiedliche Yoga-Schulen. Im 15. Jahrhundert wird die Hatha Yoga Pradipika geschrieben, die verschiedene Praktiken des Hatha Yoga (also der körperlichen Praxis, nicht des Yoga-Stils) systematisch zusammenfasst.
Indien von der Kolonialzeit bis heute
Unter britischer Kolonialherrschaft (ab 1750) werden traditionelle indische Praktiken abgewertet und Yoga verliert zunächst an Bedeutung. Ab dem späten 19. Jahrhundert beeinflussen europäische Turnsysteme und militärisches Training die Yoga-Praxis. Yoga wird sichtbarer, körperlicher und zunehmend auch in Gruppen unterrichtet. 1893 macht Swami Vivekananda Yoga durch seinen Auftritt beim Parlament der Weltreligionen in Chicago im Westen bekannter. Krishnamacharya prägt später den modernen körperlichen Yoga entscheidend und gilt als wichtiger Wegbereiter des Vinyasa Yoga.
In Deutschland beginnt die Beschäftigung mit Yoga zunächst vor allem auf einer geistig-philosophischen Ebene. Schon im 19. Jahrhundert setzen sich europäische Philosophen wie Arthur Schopenhauer mit indischen Texten auseinander. Erst 1921 gründet Boris Sacharow die „Erste Deutsche Yogaschule“. Während der NS-Zeit werden Teile der Yoga-Philosophie gezielt verdreht, um ein sogenanntes „arisches Yoga“ zu konstruieren. Auch die Bhagavad Gita wird dabei ideologisch umgedeutet.
Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 verändert sich das Land tiefgreifend – und Yoga wird zunehmend global. Bücher, Reisen, Medien, internationale Lehrer und später Studios und Ausbildungen tragen dazu bei, dass Yoga weltweit bekannt wird. Zur Geschichte mehrerer dieser großen Persönlichkeiten des Yoga gehören allerdings ebenso Vorwürfe u.a. von Machtmissbrauch. Auch das Thema der kulturellen Aneignung muss kritisch betrachtet werden.
Auch institutionell gewinnt Yoga an Bedeutung: 2014 erklären die Vereinten Nationen den 21. Juni zum Internationalen Tag des Yoga. 2020 erkennt Indien Yoga als Wettkampfsport an – dabei geht es um bewertete körperliche Übungen und nicht um Yoga in seiner gesamten philosophischen und spirituellen Bedeutung.
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Diese und viele weitere Themen aus Yoga-Philosophie, Anatomie und Asana-Kunde sind Teil der Ausbildung zum Yoga-Lehrenden bei be yogi.
Unsere Schule steht für Aus- und Weiterbildungen auf höchstem Niveau, denn wir sind in Karlsruhe der einzige staatlich anerkannte Bildungsträger (AZAV) für Yoga und gleichzeitig Registered Yoga School (RYS-200 und RYS-300).
Die nächsten Ausbildungen starten noch dieses Jahr. Bist du dabei?
In der Uni ging es für mich bei Kulturgeschichte oft um Fakten: Ich habe Namen, Jahreszahlen und Ereignisse auswendig gelernt – und vieles davon vermutlich genauso schnell wieder vergessen. Bei der Geschichte des Yoga war das bei mir anders. Hier habe ich viel stärker gesehen, wie einzelne Entwicklungen zusammenhängen, wie sich Praxis, Theorie und spirituelle Vorstellungen immer wieder verändern und an ihre Zeit anpassen – ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Und genau dann finde ich Geschichte spannend: Wenn man nicht nur erfährt, was früher war, sondern auch Aha-Momente erlebt und Zusammenhänge entdeckt. Von der Indus-Kultur über Patanjali und die Kolonialgeschichte bis zu den Beatles und Hot Yoga ist es ein ziemlich wilder Weg. Und er geht noch weiter!
