Was ACT aus dem HappierMe-Coaching, Körperwahrnehmung und innere Wahrheit miteinander zu tun haben.
Vor ein paar Tagen habe ich kurz mit einer Coachee geschrieben. Es war kein langes Gespräch, eher so ein kleiner Austausch zwischendurch: Sie schrieb, dass es ihr grundsätzlich gut gehe, fragte dann aber, ob ich vielleicht etwas für sie hätte, das ihr im Alltag helfen könnte – für mehr Selbstbewusstsein und mehr Zuversicht.
Ich fand diese Frage sofort spannend, weil sie so schlicht klingt und gleichzeitig so viel enthält. Denn wer nach Selbstbewusstsein fragt, fragt oft nicht nur: „Wie trete ich sicherer auf?“ Oder: „Wie bekomme ich mehr Mut?“ Darunter liegt häufig etwas Tieferes, die Sehnsucht, sich selbst mehr zu vertrauen, sich nicht bei jedem Zweifel zu verlieren – nicht sofort hart mit sich zu werden, wenn etwas nicht gelingt. Und vielleicht auch: nicht mehr so leicht in alte Rollen, Erwartungen und Anpassungsmuster zurückzufallen.
Vielleicht ist die Frage hinter der Frage also: Wie entsteht eigentlich Selbstliebe?
Und damit meine ich nicht die Art von Selbstliebe, die sich gut in ein schönes Bild auf Instagram schreiben lässt. Nicht die Version, bei der alles nach Ruhe, Glow, grünen Smoothies oder Matcha und perfekter Morgenroutine aussieht. Natürlich kann ein schöner Moment guttun und Jaaaaaaa – wir dürfen uns pflegen, nähren, ausruhen und freundlich mit uns umgehen, aber Yoga und Selbstliebe sind größer als Wellness. Sie sind nicht dafür da, uns hübscher, braver oder besser angepasst zu machen. Yoga fragt tiefer: Wo verlierst du dich? Wo machst du dich kleiner, als du bist? Welchen Gedanken glaubst du, obwohl er dich eng hält? Welche Wahrheit sprichst du nicht aus? Wo handelst du gegen dich selbst, nur um dazuzugehören, zu gefallen oder keinen Konflikt auszulösen?
So verstanden ist Selbstliebe nicht einfach ein warmes Gefühl, sie ist ein wichtiger Teil deiner Praxis der inneren Befreiung. Eine Entscheidung, sich selbst nicht länger zu verlassen und die Einladung, wahrhaftiger zu werden – im Denken, im Fühlen, im Körper und im Handeln.
Genau deshalb habe ich in meinem Coachingkoffer gewühlt und bin beim ACT-Modell hängen geblieben. ACT steht für Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Im Coaching nutze ich ACT nicht als therapeutisches Versprechen, sondern als sehr hilfreichen Orientierungsrahmen. Es geht dabei um psychische Flexibilität – also um die Fähigkeit, mit Gedanken, Gefühlen und inneren Widerständen bewusster umzugehen und trotzdem in Richtung dessen zu handeln, was einem wirklich wichtig ist.
Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto deutlicher wurde mir: Dieses Modell passt wunderbar zur Yoga-Philosophie, denn Yoga fragt im Kern nicht nur: Wie beweglich ist dein Körper? Sondern: Wie frei bist du innerlich? Wie sehr glaubst du jeder Bewegung deines Geistes? Wie gut kannst du wahrnehmen, was gerade da ist, ohne dich sofort damit zu verwechseln? Und wie kannst du so handeln, dass es deiner inneren Wahrheit entspricht? ACT gibt dafür eine moderne psychologische Sprache. Yoga gibt dem Ganzen Körper, Atem, Praxis und Tiefe.
Selbstliebe beginnt nicht damit, dass alles angenehm ist
Ein Missverständnis über Selbstliebe hält sich ziemlich hartnäckig: die Vorstellung, wir müssten uns nur oft genug sagen, dass wir gut sind, schön sind, stark sind, richtig sind – und irgendwann glauben wir es dann. Wie in der Werbung: Ich will so bleiben, wie ich bin … Manchmal hilft ein freundlicher Satz tatsächlich, aber oft reicht er nicht. Vor allem dann nicht, wenn innerlich etwas ganz anderes los ist: Wenn da Angst ist, klingt „Ich bin stark“ vielleicht hohl. Wenn da Traurigkeit ist, fühlt sich „Alles ist gut“ vielleicht sogar falsch an. Wenn da ein echter Zweifel sitzt, lässt er sich nicht einfach wegdenken.
Selbstliebe heißt deshalb für mich nicht, sich künstlich positiv zu überreden. Selbstliebe beginnt viel ehrlicher. Sie beginnt dort, wo ich aufhöre, gegen meine eigene innere Wirklichkeit zu kämpfen. Wo ich anerkenne: So ist es gerade. Ich bin unsicher. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin müde. Ich bin enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, anders zu reagieren – und trotzdem bin ich jetzt hier.
Die yogische Ethik schenkt uns das Ahimsa. Ahimsa meint nicht nur, anderen nicht zu schaden, es meint auch die Art, wie ich innerlich mit mir spreche. Gerade auf der Yoga-Matte wird das sehr konkret, wenn eine Haltung heute nicht so leicht geht wie gestern, wenn der Körper enger ist, wenn die Kraft fehlt oder der Atem unruhig wird, zeigt sich oft sofort unsere innere Haltung. Werden wir streng? Vergleichen wir uns? Drücken wir uns trotzdem in eine Form? Oder können wir wahrnehmen, was ist, und freundlich damit umgehen?
Das ist Akzeptanz im besten Sinne: nicht als Aufgeben, sondern als ehrlicher Kontakt mit der Gegenwart. Akzeptanz bedeutet nicht: Ich will, dass alles so bleibt, sondern ich verschwende nicht meine ganze Kraft darauf, die Realität des jetzigen Moments zu bekämpfen. Erst wenn ich wahrnehme, wo ich wirklich stehe, kann ich einen stimmigen nächsten Schritt gehen.
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Nicht jeder Gedanke verdient unser Vertrauen
Ein weiterer wichtiger Teil des ACT-Modells ist die sogenannte Defusion. Das klingt erst einmal technisch, meint aber etwas sehr Alltägliches: Wir lernen, Gedanken als Gedanken zu erkennen. Unser Kopf erzählt den ganzen Tag Geschichten. Manche sind hilfreich, andere sind ziemlich hart. „Das schaffe ich nicht.“ „Andere können das besser.“ „Ich bin zu empfindlich.“ „Ich hätte längst weiter sein müssen.“ „Wenn ich scheitere, war alles umsonst.“ Solche Gedanken fühlen sich oft wahr an, gerade weil sie im eigenen Inneren auftauchen. Aber ein Gedanke ist noch keine Wahrheit, er ist zunächst einmal eine innere Bewegung, ein Satz im Kopf, eine Bewertung, eine alte Spur, eine Sorge, eine Erinnerung – nur ein mögliche Interpretation.
Patanjali beschreibt Yoga als einen Weg, auf dem die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen dürfen. Das bedeutet nicht, dass der Kopf leer sein muss. Wer schon einmal meditiert hat, weiß: Der Kopf ist meistens alles andere als leer. Aber wir können lernen, den Gedanken nicht sofort hinterherzulaufen. Wir können bemerken: Da ist ein Gedanke, eine Bewertung, eine Angst – und ich bin nicht automatisch identisch damit. Schon ein kleiner sprachlicher Unterschied kann innerlich viel verändern. Statt „Ich bin nicht gut genug“ kann ich sagen: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin.“ Das klingt fast banal, aber es schafft Raum. Plötzlich bin ich nicht mehr mitten im Gedanken gefangen, sondern diejenige, die ihn wahrnimmt.
Auf der Yoga-Matte passiert das ständig. In einer Balancehaltung taucht vielleicht der Gedanke auf: „Ich kann das nicht.“ In einer Rückbeuge meldet sich Unsicherheit. In der Stille wird Unruhe spürbar. Und genau dann beginnt die eigentliche Praxis. Nicht, weil wir den Gedanken sofort loswerden müssen, sondern weil wir lernen können, weiter zu atmen, freundlicher zu bleiben und nicht jeden inneren Kommentar zur Wahrheit zu erklären. So wird Yoga zu einer Übung in innerer Freiheit.
Der Körper bringt uns zurück in den Moment
Wenn wir unsicher sind oder zweifeln, sind wir selten wirklich im jetzigen Moment. Meistens hängen wir innerlich irgendwo fest: bei etwas, das passiert ist, bei etwas, das passieren könnte, oder bei einem Bild davon, wie wir eigentlich sein sollten. Der Körper ist dann oft der direkteste Weg zurück: Yoga hilft, weil es nicht nur über den Kopf arbeitet. Wir müssen uns nicht erst zu Ruhe, Vertrauen oder Selbstliebe hin-argumentieren. Wir können anfangen, den Atem zu spüren, die Füße auf dem Boden verankert, die Länge der Wirbelsäule in der Aufrichtung oder auch die Spannung in den Schultern, die Enge im Brustraum und das Zittern in den Beinen. So oder so: Den Kontakt zu unserer Matte und ja, der gegenwärtige Moment wird dadurch nicht abstrakt – er wird körperlich. Gerade darin liegt eine große Kraft, denn viele innere Zustände zeigen sich im Körper, bevor wir sie klar benennen können. Stress macht den Atem flacher, Angst kann den Brustraum eng werden lassen, Überforderung sitzt manchmal im Nacken, im Kiefer, im Bauch oder im unteren Rücken. Wer lernt, solche Signale wahrzunehmen, lernt auch, früher bei sich anzukommen. Das bedeutet nicht, den Körper ständig zu analysieren. Es bedeutet eher, wieder Beziehung zu ihm aufzunehmen. Nicht: Was stimmt nicht mit mir? Sondern: Was zeigt sich gerade? Was braucht Aufmerksamkeit? Wo halte ich fest? Wo brauche ich Stabilität? Wo wäre mehr Weichheit möglich?
Durch achtsame Bewegung können Muskeln, Gelenke und Faszien mobilisiert, gekräftigt und besser durchblutet werden. Der Körper wird beweglicher, stabiler und wacher. Aber die eigentliche Wirkung geht oft tiefer. In einer Yoga-Praxis können wir erleben: Ich kann Anspannung spüren und trotzdem atmen. Ich kann an eine Grenze kommen und freundlich bleiben. Ich kann eine Haltung anpassen, ohne zu scheitern. Ich kann Kraft entwickeln, ohne mich zu verhärten. Ich kann loslassen, ohne aufzugeben. Das ist psychische Flexibilität im Körper.

Werte geben Richtung, wenn Gefühle schwanken
Im ACT-Modell spielen Werte eine zentrale Rolle. Werte sind keine Ziele, die man irgendwann abhakt. Ein Ziel könnte sein: „Ich möchte selbstbewusster auftreten.“ Ein Wert dahinter könnte Mut sein, Ehrlichkeit, Lebendigkeit, Verbundenheit oder Klarheit. Werte sind Richtungen. Sie zeigen uns, wie wir leben und handeln möchten – auch dann, wenn es unbequem wird. Hier wird die Verbindung zur Yoga-Philosophie besonders lebendig. Denn Yoga ist nicht nur die Fähigkeit, ruhig zu atmen, während um uns herum alles laut ist. Yoga ist auch die Frage, wie wir leben.
Satya, die Wahrhaftigkeit, erinnert uns daran, nicht länger an inneren Geschichten festzuhalten, die uns klein machen. Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, beginnt nicht erst im Außen, sondern auch in der Art, wie wir mit uns selbst sprechen. Asteya, das Nicht-Stehlen, kann uns fragen lassen, wo wir uns selbst Lebenszeit, Kraft oder Würde rauben, weil wir Erwartungen erfüllen, die gar nicht zu uns gehören. Und Dharma erinnert uns daran, dass es einen eigenen stimmigen Weg gibt – nicht als perfekte Lebensplanung, sondern als innere Ausrichtung.
Für Selbstliebe ist das enorm wichtig. Denn Selbstliebe bedeutet nicht automatisch, immer den angenehmsten Weg zu wählen. Manchmal ist Selbstliebe weich und fürsorglich. Manchmal ist bleibt sie aber auch dran, obwohl es unbequem wird, eine hilfreiche Frage kann deshalb sein: Was wäre jetzt ein liebevoller und wahrhaftiger Schritt? Nicht der perfekte Schritt, nicht unbedingt der, der allen gefällt oder sofort Sicherheit verspricht, sondern der Schritt, der mit dem verbunden ist, was mir wirklich wichtig ist. Yoga wird dann nicht zu etwas, das wir nur auf der Matte üben. Yoga wird zu einer Haltung, die mitten im Leben sichtbar wird.
Wir sind mehr als unsere innere Wetterlage
Ein besonders berührender Teil des ACT-Modells ist die Idee des Selbst-als-Kontext. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich selbst nicht vollständig mit den eigenen Gedanken, Gefühlen oder Rollen zu verwechseln.
Wir sagen oft: „Ich bin traurig.“ „Ich bin überfordert.“ „Ich bin unsicher.“ Natürlich ist das menschlich und verständlich. Gleichzeitig kann es entlastend sein, innerlich etwas genauer zu werden. Vielleicht bin ich nicht meine Traurigkeit. Vielleicht ist Traurigkeit gerade da. Vielleicht bin ich nicht meine Angst. Vielleicht nehme ich Angst wahr. Vielleicht bin ich nicht mein Selbstzweifel. Vielleicht zieht gerade ein sehr alter Selbstzweifel durch mein inneres Feld.
Diese kleine Verschiebung öffnet Weite und auch die Yoga-Philosophie unterscheidet zwischen dem, was sich ständig verändert, und dem, was wahrnimmt. Körperempfindungen verändern sich, Gedanken verändern sich, Gefühle verändern sich, Rollen verändern sich, Lebensphasen verändern sich – aber da ist eine Fähigkeit in uns, all das zu beobachten. In der Meditation, in Shavasana oder auch in einem stillen Atemmoment können wir manchmal etwas davon spüren. Einen Augenblick müssen wir nichts leisten, nichts erklären, nichts festhalten. Wir sind einfach da. Nicht als perfektes Selbst oder als optimierte Version, sondern als wahrnehmendes Wesen, in dem vieles auftauchen darf, ohne dass es die ganze Identität bestimmen muss.
Das kann für Selbstliebe sehr heilsam sein. Denn dann muss ich mich nicht auf meinen schwierigsten Moment reduzieren. Ich bin nicht nur der Fehler, nicht nur die Angst, nicht nur die alte Geschichte, nicht nur die Erschöpfung. Danke, dass ich mehr bin, mehr als das, was gerade in mir laut ist. So Ham.

ZUM GLÜCK Coaching in Karlsruhe
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Selbstvertrauen wächst durch gelebte Erfahrung
Der letzte Bereich im ACT-Modell ist das engagierte Handeln. Es geht darum, nicht nur zu erkennen, was wichtig ist, sondern auch danach zu handeln. Nicht irgendwann, wenn alle Zweifel verschwunden sind, sondern mitten im Leben, mit den Zweifeln, mit der Unsicherheit, mit dem unruhigen Atem – bewusst zu handeln, ohne den eigenen Wert vollständig an das Ergebnis zu hängen. Ich tue jetzt was mir entspricht und übernehme Verantwortung für meinen Schritt, aber ich versuche, mich nicht komplett daran festzuklammern, ob alles genauso ausgeht, wie ich es mir wünsche.
Viele Menschen warten darauf, dass Selbstbewusstsein zuerst als Gefühl entsteht. Dann, glauben sie, können sie handeln. Aber oft ist es andersherum. Selbstvertrauen wächst durch Erfahrung: Ich spreche, obwohl meine Stimme zittert. Ich setze eine Grenze, obwohl es ungewohnt ist. Ich probiere etwas aus, obwohl ich nicht weiß, ob es gelingt. Ich komme auf die Matte, obwohl ich müde bin. Ich atme weiter, obwohl es innerlich eng wird. So entsteht Zuversicht nicht als lautes „Ich kann alles“, sondern als leises, verlässliches Wissen: Ich kann mit mir bleiben. Auch wenn es wackelt.
Selbstliebe ist keine Wellness-Idee. Sie ist gelebte Verbindung.
Wenn ACT und Yoga zusammenkommen, entsteht ein sehr alltagstauglicher und zugleich tiefer Blick auf Selbstliebe. Sie ist dann kein Zustand, den wir irgendwann erreichen und für immer behalten. Sie ist auch kein schöner Gedanke, den wir über unser Leben legen, damit alles etwas heller aussieht. Selbstliebe ist eine Praxis.
Wir üben, wahrzunehmen, was da ist. Wir üben, nicht jeden Gedanken zu glauben. Wir üben, den Körper als Verbündeten zu erleben. Wir üben, uns an unseren Werten auszurichten. Wir üben, uns nicht mit jeder inneren Wetterlage zu verwechseln. Und wir üben, kleine stimmige Schritte zu gehen – auch dann, wenn es wackelt.
Wenn du das für dich ausprobieren möchtest, kannst du dir im Alltag einen Moment nehmen und dich fragen: Was ist gerade wirklich da? Welcher Gedanke ist besonders laut? Was spüre ich in meinem Körper? Wie atme ich? Was ist mir jetzt wichtig? Und was wäre der nächste kleine Schritt, mit dem ich bei mir bleibe?
Es braucht keine perfekte Antwort. Manchmal reicht ein Schritt auf die Matte. Yoga erinnert dich daran, dass du wahrnehmen kannst, dass du wählen und handeln kannst und mit dir verbunden bleiben darfst – auch dann, wenn das Leben unruhig ist. Und vielleicht beginnt genau dort Selbstliebe: nicht als großes Versprechen, sondern als gelebte Wahrheit. Atemzug für Atemzug. Entscheidung für Entscheidung. Tag für Tag.

