Woher wissen wir eigentlich, was wir über Yoga wissen?

Am 19. September 2026 treffen sich bei be yogi die angehenden Yoga-Lehrer:innen zum ersten Mal. Es ist das Auftakttreffen für unsere nächste Grundausbildung, die am 3. Oktober beginnt. Dann liegen 16 intensive Ausbildungstage vor uns, an deren Ende der Abschluss als Yoga-Lehrer:in Hatha und Vinyasa mit 200 Stunden nach den Standards der Yoga Alliance steht.

In der Vorbereitung auf diese Ausbildung habe ich in den vergangenen Wochen sehr viel gelesen. Nicht nur unser eigenes Workbook, sondern auch die Texte, auf die wir uns darin beziehen: die Upanishaden, die Bhagavad Gita, Patanjalis Yoga Sutra und die Hatha Yoga Pradipika. Dabei bin ich immer wieder an einem Punkt hängen geblieben, der eigentlich alle betrifft, die Yoga praktizieren – nicht nur diejenigen, die es unterrichten möchten.

Woher kommt das Wissen, das uns im Yoga begegnet?

Im Unterricht hören wir vieles, das uns längst vertraut erscheint. Wir sprechen von Prana und Chakren, von der Wirkung bestimmter Asanas, von Patanjalis achtgliedrigem Yogaweg, vom Sonnengruß, von Meditation oder davon, was eine bestimmte Atemtechnik bewirken kann. Manche dieser Aussagen stammen tatsächlich aus klassischen Texten. Andere wurden erst viel später entwickelt. Wieder andere gehören zu bestimmten Yoga-Traditionen, beruhen auf modernen anatomischen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen oder auf den persönlichen Erfahrungen von Lehrer:innen. Das alles darf nebeneinander existieren. Aber es ist nicht dasselbe.

Yoga hat nicht nur eine Quelle

Schon die vier Schriften, mit denen wir uns in unserer Ausbildung ausführlicher beschäftigen, zeigen, wie unterschiedlich Yoga gedacht und praktiziert wurde. Die Upanishaden beschäftigen sich mit Fragen nach dem Selbst und dem Wesen der Wirklichkeit. In der Bhagavad Gita steht ein Mensch vor der Frage, wie er richtig handeln soll. Patanjali richtet den Blick auf den Geist und beschreibt einen systematischen Übungsweg. In der Hatha Yoga Pradipika rücken Körper und Atem als Ausgangspunkte der Praxis stärker in den Vordergrund. Dazwischen liegen Jahrhunderte.

Auch danach hat Yoga sich weiterentwickelt. Traditionen haben Texte kommentiert und unterschiedlich ausgelegt, Lehrer:innen haben Methoden weitergegeben und verändert. Das körperorientierte Yoga, das die meisten von uns heute auf der Matte praktizieren, hat ebenfalls eine eigene Entwicklungsgeschichte. Deshalb versuche ich inzwischen genauer hinzuschauen, wenn irgendwo steht: „Im Yoga bedeutet das …“ In welchem Yoga? In welcher Zeit? In welcher Schrift? In welcher Tradition?

Was steht da wirklich?

Diese Frage hat uns auch bei der Überarbeitung unseres Ausbildungs-Workbooks beschäftigt. Denn manche Erklärungen werden im Yoga so häufig wiederholt, dass sie irgendwann wie historische Tatsachen wirken.

Ein schönes Beispiel ist Hatha. Die Erklärung, „Ha“ bedeute Sonne und „Tha“ Mond, ist heute weit verbreitet und bietet ein anschauliches Bild für gegensätzliche Qualitäten. Als gesicherte sprachliche Herkunft des Wortes Hatha lässt sich diese Erklärung jedoch nicht einfach darstellen. Das macht das Bild von Sonne und Mond nicht unbrauchbar. Wir sollten nur unterscheiden können zwischen einer verbreiteten symbolischen Deutung und einer historisch gesicherten Aussage.

Ähnlich gehen wir mit den Chakren, Nadis oder Prana um. Sie gehören zu traditionellen yogischen Modellen und können für die eigene Praxis interessante Landkarten sein. Wir müssen sie deshalb aber nicht zu anatomisch messbaren Strukturen erklären.

Für mich verliert Yoga durch solche Unterscheidungen nichts von seinem Wert. Eher das Gegenteil: Wir müssen eine jahrhundertealte Tradition nicht wissenschaftlicher, älter oder eindeutiger machen, als sie ist, um sie ernst zu nehmen.

Was bedeutet das für Yoga-Lehrer:innen?

Wer Yoga unterrichtet, gibt Wissen weiter. Damit entsteht Verantwortung. Natürlich kann niemand alles wissen. Das erwarten wir auch von unseren angehenden Lehrer:innen nicht. Nach 200 Ausbildungsstunden ist man nicht plötzlich Expert:in für indische Philosophie, Sanskrit, Anatomie, Religionsgeschichte und Neurowissenschaften. Eine gute Grundausbildung sollte aber dabei helfen zu unterscheiden, auf welcher Grundlage wir etwas sagen.

Stammt eine Aussage aus einer klassischen Schrift? Gehört sie zu einer bestimmten Tradition? Handelt es sich um ein traditionelles Erklärungsmodell? Gibt es dafür wissenschaftliche Erkenntnisse? Oder beschreibe ich gerade etwas, das ich selbst in meiner Praxis erfahren habe?

Gerade Letzteres hat im Yoga seinen Platz. Wenn ich nach einer bestimmten Praxis ruhiger werde, darf ich davon erzählen. Etwas anderes wäre es, daraus die allgemeine Behauptung abzuleiten, diese Praxis beruhige bei jedem Menschen nachweislich das Nervensystem. Und manchmal lautet die richtige Antwort eben auch: Ich weiß es nicht.

Schüler:innen dürfen nachfragen

Diese Haltung wünsche ich mir nicht nur von den Yoga-Teacher-Trainees, die im Oktober ihre Ausbildung bei uns beginnen. Ich wünsche sie mir auch in unseren Yoga-Klassen.

Yoga wird seit Jahrhunderten von Lehrer:innen an Schüler:innen weitergegeben. Dieses Verhältnis lebt davon, dass Menschen bereit sind zu lernen und dass andere bereit sind, ihr Wissen und ihre Erfahrung weiterzugeben. Für mich bedeutet das aber nicht, Lehrer:innen zu überhöhen oder Aussagen ungeprüft zu übernehmen. Eine Lehrerin darf mehr über ein Thema wissen als ich. Ich kann ihre Erfahrung schätzen und ihr vertrauen. Gleichzeitig darf ich fragen, woher eine Aussage stammt. Ich darf eine andere Erfahrung machen. Ich darf eine Erklärung nicht überzeugend finden und weiterforschen.

Vielleicht gehört genau das zu Svadhyaya, dem Selbst- und Schriftstudium: nicht alles sofort zu glauben, aber auch nicht alles sofort abzulehnen. Lesen, beobachten, ausprobieren, vergleichen und immer wieder die eigene Wahrnehmung dazunehmen.

Wenn wir uns am 19. September zum ersten Mal mit unseren neuen Yoga-Lehrer-Anwärter:innen zusammensetzen, beginnt deshalb noch nicht die eigentliche Ausbildung. Die startet am 3. Oktober und wird für 16 Tage ziemlich intensiv. Aber eine Sache können wir beim Auftakttreffen schon anfangen: Fragen zu stellen. Nicht, weil wir dem Yoga misstrauen. Sondern weil wir ihn ernst nehmen.

Avatar von Ulla Fröhlich-Strauß

PS: Hier findest du weitere Infos unter anderem zum Gendern, deiner (gesundheitlichen) Selbstverantwortung & unserem Partnerprogramm.